Wie Kartfahren mit Dach!


Klassischer Fahrspaß – 1963er NSU Prinz 4L


Wenn sich Autofans über die „Prinzen“ unterhalten, geht es nicht etwa um die Leipziger Kult-Band, sondern um ein wichtiges Stück Firmengeschichte der NSU Motorenwerke AG. Rund 15 Jahre lang, zwischen 1958 und 1973, ist der kleine und wendige Zweitürer in den Generationen I, II, III sowie 4 gebaut worden. Zur wohl erwachsensten und bis heute beliebtesten Generation zählt jedoch nach wie vor der ab Juni 1961 gebaute NSU Prinz 4. Nicht nur, weil er gegenüber seinen Vorgängern deutlich gewachsen war, sondern weil er eine für die damaligen Verhältnisse hochmoderne Karosserie im Stil des Chevrolet Corvair erhalten hatte.
Als der NSU Prinz 4 an den Start rollte, ging ein Raunen durch die deutsche Autowelt. Nicht etwa, weil der Neue ein technisches Novum darstellte. Im Gegenteil: Unter dem Blech gab es wenig Neues. Fahrwerk und Getriebe entsprachen denen des Vorgängers NSU Prinz III. Der Zweizylinder-Motor des vierten Prinzen schöpfte indes 30 PS aus 598 ccm. Damit war der 555 Kilogramm schwere Prinz immerhin rund 120 km/h schnell. Und dabei schick in Schale, da ihm seine Designer ein Blechkleid im Stil des Chevrolet Corvair verpasst hatten. Die begehrteste Ausstattungsvariante des Mini-Chevys, alias NSU Prinz, war die im September 1965 vorgestellte Version „Prinz 4L“. Mit gehobener Ausstattung bei gleichem Antriebskonzept wurde er nahezu unverändert bis zum April 1973 gebaut.
„Dank Attributen, wie einer soliden Verarbeitung, einem großzügigen Raumangebot und einem modernen Design avancierte die vierte Generation des NSU Prinz alsbald endgültig zum Erfolgsmodell“, weiß der Essener Kraftfahrzeugmeister Holger Schürmann. „Außerdem war der Kleine mit seinen 30 PS durchaus flott unterwegs!“ Holgers Urteil beruht auf Erfahrungswerten. Als Freund und Besitzer des NSU Prinz 4L kommt er jedes Mal ins Schwärmen, wenn er über den Prinz und dessen Charme berichtet. Oder über den Charakter des Motors, der rege am Gas hängt und die 555 Kilo Leergewicht munter anschiebt. Außerdem ist da noch die Federung des Prinz 4L, die keine Angst vor Bodenwellen und einen guten Gradeauslauf hat.
„Die Resultate aus einem Jahr NSU-Fahrpraxis“, gibt Holger lachend zu Protokoll. „Ich habe meinen Prinz nun seit dem Frühjahr des letzten Jahres, nachdem ich zufällig auf ihn aufmerksam geworden war. Damals hatte ich den betagten Opel Kadett eines Kunden in meiner Werkstatt. Da es verschiedene Teile für den Wagen im Handel nicht mehr gab, habe ich im Internet nach den entsprechenden Komponenten Ausschau gehalten und bin dabei auf die Homepage von „Opa’s Auto“ in Enschede aufmerksam geworden. Der niederländische Autohändler hat sich auf altes Blech spezialisiert und stets eine interessante Auswahl toller Klassiker auf Lager.“
Womit Holger beim Surfen auf der Seite nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass er binnen weniger Klicks eine ungeahnte Entdeckung machen würde. „Das kannst du laut sagen“, pflichtet er bei. „Ich hätte tatsächlich nicht damit gerechnet, dass ich bei Opa’s Auto einen 1963er NSU Prinz 4L finde, der dem einstigen Auto meines Vaters wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sowohl die Außenfarbe Dunkelgrün, die toffeefarbene Kolorierung der Innenausstattung als auch die Liste der Sonderausstattungen – darunter ein Haltegriff rechts am Armaturenbrett, Zigarrenanzünder und Abdeckung hinter den Sitzen und Fernscheinwerfer – waren an Bord.“
Es schien wie ein Wink des Schicksals. Erst wenige Wochen zuvor war Holgers Vater verstorben. Dann fand er plötzlich diesen NSU Prinz 4L. „Den musste ich mir einfach ansehen“, betont Holger. „Also bin ich direkt nach Enschede gefahren, um mir den kleinen NSU genauer anzusehen. Und was soll ich sagen: er war nahezu perfekt!“ Mit Ausnahme einer großen Inspektion, der Politur des Lackleides und vier neuen Reifen war am Prinzen tatsächlich nicht viel zu tun. „Die Reifen hatten es allerdings bitter nötig“, resümiert Holger. „Darauf habe ich beim Kauf, um ehrlich zu sein, nicht geachtet. Nachdem ich den NSU kurz getestet und für gut empfunden hatte, bin ich die 400 Kilometer bis nach Hause auf eigener Achse gefahren; völlig ohne Probleme.“
Die hätte es laut Werkstattbesitzer und Oldtimer-Experte Holger Schürmann jedoch durchaus geben können. „In der Tat“, stimmt er zu: „Weil ich so geil darauf gewesen bin, den Wagen zu fahren, dass ich vor dessen Überführung nicht auf seine Reifen geachtet habe. Ein riskanter Fehler!“ Der Grund für den dramatischen Rückblick waren die vier altersschwachen Reifen mit 26 Jahren auf dem Buckel! „Und damit bin ich rund 400 Kilometer von Holland bis nach Essen bei 90 km/h gefahren. Ich habe echt Glück gehabt, dass keiner geplatzt ist!“ Die desolaten Reifen waren leider nicht das einzige Manko am kleinen Prinz. Der Vorbesitzer hatte laut Holgers Recherchen die Vorderachse falsch herum eingebaut. „Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass die Vorderachse verdächtig hoch gestanden hat und einen extrem derben Sturz hatte“, fasst Schürmannn zusammen. „Also alles wieder auf Anfang drehen und den NSU zurück zur Natur bauen.“
Außerdem reparierte er den Heizungskanal, baute neue Bremsen vorne und hinten sowie einen Satz neue Reifen ein und führte eine komplette Motorinspektion inklusive Kerzen, Kontakten, Nassluftfilter und Ölwechsel mit beiden Ölfiltern durch. „Eine solide Basis“, lobt Holger seinen NSU Prinz. „Das hat mir der TÜV sofort bescheinigt. Als ich dort vorgefahren bin, war der Prüfer hellauf begeistert und meinte, dass man so ein tolles Auto nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt.“
Eine weniger erfreuliche Begegnung hatte Holger unmittelbar nach dem TÜV-Besuch. „Kurz nachdem ich aus der Prüfhalle war, haben mich zwei junge Polizisten angehalten, um mich zu fragen, weshalb ich nicht angeschnallt sei. Daraufhin habe ich die Zwei darüber informiert, dass der Sicherheitsgurt erst ab 1979 zur Pflicht in Deutschland geworden ist. Die ersten offiziell verbauten Sicherheitsgurte gab es ab 1967. „Zumeist in großen Mercedes, BMW oder Audis“, weiß Holger. „Der Prinz, anno 1963, hatte damit noch nichts am Hut. Er hat schlicht keine.“ Die Ordnungshüter waren angesichts dieser Tatsache wenig erfreut, ein altes Auto ohne Gurte war in ihren Augen kaum nachvollziehbar. „Sie werden damit leben lernen“, meint Holger. „Vielleicht hilft den beiden ja eine Probefahrt im einem NSU Prinz. Die wäre dann zwar ohne Gurt, aber vom Gefühl her wie Gokartfahren mit Dach!“

Von: Text: Marc Timmer, Fotos: Heinz-Peter Keller

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